„Worte mit Wirkung: Ein kritischer und weihnachtlicher Clubabend“

Am Mittwoch, den 17.11.2025 fand die Weihnachtsfeier des Wiesbadener Clubs statt. Daniel, der Präsident des Clubs, eröffnete den Abend. In festlicher Weihnachtskleidung spannte er eine anschauliche Parallele: So wie man im Fitnessstudio die Skelettmuskulatur trainiert, trainiert man bei den Toastmasters die „Tiefenmuskulatur“ des Sprechens – also genau jene Fähigkeiten, die aus guten Rednern überzeugende Persönlichkeiten machen.

Anschließend übernahm Jamal als Toastmaster des Abends das Wort. Unter dem Motto „Vorweihnachtszeit – süßer die Reden nie klingen!“ sorgte er für eine beschwingte Atmosphäre, führte souverän und strukturiert durch den Abend und machte auf den nächsten Wettbewerb am 17. Januar 2026 aufmerksam.

Ingo präsentierte den Witz des Abends: „Was passiert in der Nacht in einem Bücherladen, wenn das Telefon klingelt?“ Die Auflösung folgt am Ende…
Danach übernahm wieder Daniel und präsentierte das „Wort des Abends“. Seine Inspiration dafür stammte aus einer Reise nach München vor zehn Jahren. Aus der weihnachtlichen Begrüßung „Hohoho“ formte er schließlich das Wort des Abends.

Den Kern des Abends bildeten drei vorbereitete Reden zu weihnachtlichen Themen.

Die erste Rede des Abends hielt das Clubmitglied Sarah: Where Are You, Christmas?
Es war eine Rede, die sich aus vier Geschichten zusammensetzte – reich an weihnachtlichen Elementen, Bildern und Inszenierung. Zwischen den einzelnen Geschichten zündete die Rednerin jeweils eine Kerze an, insgesamt also vier, und sang ein Weihnachtslied – mit bemerkenswerter Melodie und Professionalität –, bevor sie zur nächsten Geschichte überging.

Die Rede begann wie folgt: Auf der Suche nach dem Sinn von Weihnachten schlenderte die Rednerin durch Gassen, deren Luft vom Duft nach Zimt erfüllt war. Es war der 20. Dezember, und die Suche begann.

Die erste Geschichte spielte am Arbeitsplatz: Zwischen Aktenmappen und E-Mails, jedoch ohne jede Spur von Weihnachtsgefühl. In der zweiten Geschichte begegnete ihr ein Amazon-Bote, der kein einziges weihnachtliches Wort – nicht einmal ein „Frohe Weihnachten“ – über die Lippen brachte. An der Supermarktkasse wiederholte sich dieses Erlebnis. Selbst auf dem Weihnachtsmarkt wollte sich das ersehnte Gefühl nicht einstellen – weder am Glühweinstand noch nach fünf Glühweinen.

Wann kam es schließlich doch? Erst beim Besuch der Eltern, der Familie und der Verwandten an Weihnachten. In diesem Moment wurde die Rednerin von einem unsichtbaren, wärmenden Gefühl umhüllt – dem wiedergefundenen „Weihnachtsgefühl“.

Die zweite Rede hielt Susanna und trug den Titel „Ho’oponopono“. Im Mittelpunkt stand der Selbstausdruck – mit dem Anspruch, die Dinge „richtig, richtig zu machen“.  In Form eines Selbstgesprächs entschuldigte sie sich dafür, eine „Rotznase“ zu haben, und verlieh ihrer Rede damit zusätzliche Ausdruckskraft. Sie erläuterte ihre Gedanken, arbeitete mit Bildern und plädierte dafür, sich zu öffnen, um Empathie zu ermöglichen, gerade dann, wenn es darum geht, in herausfordernden Lebensphasen Zuversicht und Überwindung zu zeigen.

Welche mentale Lösung schlug sie vor? Ein traditionelles hawaiianisches Ritual namens „Ho’oponopono“, das aus vier Sätzen besteht. Der erste Satz lautet: „Es tut mir leid.“ Er soll den Geist öffnen und helfen, Spannungen und Emotionen zu lösen. Der zweite Satz – „Bitte verzeih mir“ – richtet sich an das eigene Selbst und steht für Verantwortung, Akzeptanz und Annahme. Es folgt der dritte Satz: „Danke“. Susanna erklärte, dass Dankbarkeit als Türöffner wirkt und neue Perspektiven eröffnet. Abschließend, wird der Satz „Ich liebe dich“ ausgesprochen. Gerade im Kontext von Weihnachtsstress, so Susanna, fördert dieses Ritual einen kraftvollen Selbstausdruck. Mit diesen einfachen Sätzen, so ihre Botschaft, könne man sich „vom Tal der Tränen ins Tal der Freuden“ bewegen. Die Formulierungen seien dabei bewusst plastisch und ließen sich individuell anpassen.

Fabian präsentierte die dritte Rede mit dem Titel „Briefe aus einer anderen Zeit“, eine sozialkritische Zeitreise. Er stellte damalige und heutige moralische Werte gegenüber und setzte sich mit dem Sinn von Menschlichkeit und Moral in unserer hochmodernen, zivilisierten Lebensform auseinander.

Die Geschichte begann vor etwa viertausend Jahren mit auf Tontafeln geschriebenen Briefen, die in der Levante gefunden wurden. Sie berichten von einem Streit zwischen dem Kupferhändler Ea-Nasir und seinem Geschäftspartner Nanni. Nanni beschwerte sich über minderwertige Ware, unhöfliche Behandlung und nicht eingehaltene Vereinbarungen. Diese älteste bekannte Kundenbeschwerde zeigt frühes Vertrags- und Qualitätsdenken sowie die damaligen Machtverhältnisse im Handel. Fabians Zeitreise führte weiter zur Zeitenwende im östlichen Mittelmeerraum. Dort entwickelten sich aus verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen neue ethische Vorstellungen. Während zur Zeit Nannis Ehre wichtiger war als Recht, entstand um 0 v. Chr. eine zunehmend universelle Ethik mit moralischen Überlegungen zu Macht und Gerechtigkeit. Sein sozialkritisches Fazit für die Gegenwart: Noch nie verfügten wir über eine so ausgefeilte Ethik, und noch nie war sie so fragil. Seiner These nach steht unser immenser technologischer Fortschritt in einem Missverhältnis zu unserer kulturellen und ethischen Entwicklung, was zu Arroganz gegenüber vermeintlich weniger entwickelten Gesellschaften führe. Er schloss mit der tiefgründigen Frage: „Brauchen wir eine neue Ethik?“

Die sozialkritischen Darstellungen setzten sich auch in den weiteren sechs Stegreifreden fort. Natürlich ging es auch lustig zu. Zum Beispiel wurde der Weihnachtsmann vom Füllwortzähler „angerufen“, und es war eine theatralische Darstellung vom Feinsten.

Das vorletzte Wort vor den abschließenden Worten und weihnachtlichen Grüßen des Toastmasters Jamal und des Präsidenten Daniel hatte Oliver als Gesamtbewerter des Abends. Er lieferte eine ehrliche, konstruktive und engagierte Bewertung der Bewerter des Abends, die stets motivierend wirkt und einen ein Stück weiterbringt. Zudem verkündete Oliver besonders stolz, dass der Club durch die fünf abgeschlossenen Reden des Clubmitglieds Jonas einen Punkt gewonnen hatte.

Der Abend war geprägt von Reden und Stegreifreden, die von skeptischem und kritischem Denken zeugten. Reden bedeutet auch, frei und kritisch zu denken und zu kommunizieren. Nicht nur die äußere Form ist redenswert, sondern vor allem der Inhalt. Ähnlich wie der nur dezent weihnachtlich geschmückte Saal an diesem Abend überzeugten die Reden durch ihre Schönheit und Tiefgründigkeit, die zweifellos über den gesamten Clubabend hinweg eine weihnachtliche Stimmung entfalteten.

Unter dieser Atmosphäre verlief der Weihnachts-Clubabend der Toastmasters Wiesbaden. Möge allen Leserinnen und Lesern ein friedliches und gelungenes neues Jahr 2026 mit vielen guten und wohlwollenden Reden bevorstehen!

P.S. Die Auflösung zum Witz des Abends: „Die Mailbox geht an!“